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Räume gestalten mit Piero Lissoni

Der renommierte italienische Architekt und Designer Piero Lissoni gilt als einer der bedeutendsten Meister des zeitgenössischen Designs – und für jene, die das Vergnügen hatten, mit ihm zusammenzusitzen, als ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Mit präzisem Witz und einer klaren, unverblümten Haltung erzählt Lissoni, wie jede Bucherer Boutique zu einem Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird, zwischen lokaler Kultur und dem Erbe des Maison. Vom Einsatz von Serpentino-Stein für die Böden in St. Moritz bis hin zur Bewahrung des holzgeschnitzten Interieurs aus dem 19. Jahrhundert in der Wiener Boutique: Keine einzige gestalterische Entscheidung ist dem Zufall überlassen.

6 Minuten

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Portrait von Veronica Gaido

F: Wann und wie begann Ihre Zusammenarbeit mit Bucherer?
A: Wir haben vor vielen Jahren miteinander zu arbeiten begonnen, noch vor COVID. Es war ein Wettbewerb mit einigen anderen Architekten. Wir haben den Wettbewerb gewonnen, und es war letztlich Herr Bucherer selbst, der uns und unseren Ansatz ausgewählt hat.

Die Beziehung zwischen unserem Büro und Bucherer fühlte sich von Anfang an kollaborativ an. Wir haben sofort begonnen, wie ein Team zu arbeiten. Ich glaube, wir haben gewonnen, weil wir nicht einfach Boutiquen entwerfen wollten. Unser Ansatz war es, etwas Architektonisches zu schaffen – Räume, die die Sprache der Architektur sprechen und ihrem Rhythmus folgen.

F: „Die Sprache der Architektur.“ Das klingt sehr poetisch. Was bedeutet das?
A: Wenn Sie zwei einfache Details nehmen, etwa einen Boden und eine Decke – wenn ich von der „Sprache der Architektur“ spreche, meine ich, wie diese Elemente miteinander in einen Dialog treten. Viele unserer Boutiquen haben zum Beispiel mehrere Ebenen. Also entwerfen wir eine Treppe, aber sie darf niemals nur eine Treppe sein. Sie braucht eine Haltung, eine Perspektive – sie soll zu diesem Dialog beitragen.

F: Was hat Sie an der Zusammenarbeit am meisten begeistert?
A: Bucherer hat eine globale Präsenz, was Boutiquen in verschiedenen Städten bedeutet: Basel, Frankfurt, St. Moritz. Wann immer wir in einer anderen Stadt arbeiten, entsteht eine neue kulturelle Beziehung. In unserem Ansatz behalten wir nur wenige wesentliche Details bei; den Rest passen wir Stadt für Stadt, Kultur für Kultur an.

Ein Beispiel: In St. Moritz haben wir lokalen Stein für den Boden verwendet. In Frankfurt haben wir ein besonderes Harz und spezielles Holz eingesetzt. Aber für Basel, Frankfurt und St. Moritz haben wir Fenster mit derselben Handschrift gestaltet – derselben Sprache, denselben Transparenzen.

Ich muss den Dialog zwischen Alt und Neu öffnen.

Piero Lissoni

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F: Apropos Zusammenarbeit: Sie haben erwähnt, dass die Chemie mit Bucherer sofort gestimmt hat. Wie sieht diese Beziehung aus?
A: In Basel haben wir zum Beispiel mit einem Super-Prototyp gearbeitet und nach und nach gemeinsam die Details verfeinert. Wir haben viele Möbelstücke ausgetauscht; wir mussten etwas sanfter werden. Ursprünglich wollte ich kräftigere Stücke. Ich weiss nicht warum. Ich bin Italiener.

So verlief der Austausch. Es war nie: „Ich bin der Architekt. Ihr müsst tun, was ich sage.“ Sie wussten besser Bescheid, wenn es um den Rhythmus und das Leben dieser Räume geht – und sie kannten die Kundinnen und Kunden besser. Also musste ich viel lernen, aber sie mussten mir in bestimmten Details folgen. Das ist die Qualität dieser Zusammenarbeit.

F: Wo fanden Sie Inspiration, als Sie diese Projekte begonnen haben?
A: Normalerweise beginnt es mit „Kontamination“. Ich mag dieses Wort, „Kontamination“, weil wir viele verschiedene Codes zusammenführen: einige modern, einige zeitgenössisch – Objekte und Materialien –, einige historisch, und wir mischen sie mit unterschiedlichen Kulturen. Wir haben Stücke aus China, aus Afrika, aus Indien oder Amerika … aber gleichzeitig war es notwendig, etwas Lokales einzubringen.

Zum Beispiel habe ich den Stein aus St. Moritz erwähnt. Es ist ein grüner Stein, er heisst Serpentino – was „kleine Schlange“ bedeutet. Innen haben wir Objekte integriert, die wir lokal gefunden haben, etwa grosse Holzstücke, die verwendet werden, um Hirsche zu füttern.

In jeder Boutique sollte man spüren: „Ja, ich bin bei Bucherer“ – aber zugleich „Ich bin bei Bucherer in Basel“ oder „Ich bin bei Bucherer in St. Moritz“ oder an einem anderen Ort.

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Vitrinen in der Bucherer Boutique in Basel, Schweiz, gestaltet von Piero Lissoni

F: Sie haben sehr bewusst darauf geachtet, jeder Boutique eine eigene Identität zu geben. Wenn Sie dennoch drei Worte wählen müssten, um eine Bucherer Boutique – egal wo auf der Welt – zu beschreiben, welche wären das?
A: Wenn Sie eine Bucherer Boutique betreten, spüren Sie sofort, dass Sie einen besonderen Raum mit einem anderen Lebensrhythmus betreten. Ich würde sagen: sehr elegant, ein wenig wagemutig, und zugleich hat man das Gefühl, sich in einem einzigartigen Raum zu befinden. Es ist anders als der Rest der Welt – auf gute Weise, nicht auf schlechte Weise. Und nochmals: Eleganz. Ich sage das nicht, weil ich sie gestaltet habe, natürlich nicht.

F: Ich denke, man kann sagen, dass dies eine objektive Beobachtung ist. Meine nächste Frage: Wie löst man Emotionen in einem Raum aus?
A: Durch Farben, Materialien, Licht. Wir arbeiten intensiv mit verschiedenen Lichtqualitäten. Und wir konzentrieren uns stark auf die Verbindung – oder den Austausch – zwischen Innen und Aussen, und umgekehrt. Die Boutique wird zu einer Art Magnet. Sobald Sie drinnen sind, sind Sie wie eine Maus in der Falle, ganz gleich, welche Käsesorte Sie bevorzugen.

F: Ich verstehe. Lassen Sie uns etwas genauer über Licht sprechen. Ich nehme an, dass dieses Gestaltungselement in Umgebungen, in denen wertvolle Steine wie Diamanten präsentiert werden, eine enorme Rolle spielt.
A: Ja, und wir verlassen uns dabei stark auf Bucherer und dessen Expertise, damit ein Diamant wirklich, wie ein Diamant aussieht – und nicht wie etwas anderes. Ich habe schon erwähnt, dass wir mit unterschiedlichen Lichtqualitäten arbeiten. In der Boutique ist das Licht leicht bernsteinfarben, was bedeutet, dass die Farbtemperatur etwa bei 1.200 bis 1.400 Kelvin liegt. Dieser bernsteinfarbene Ton macht einen Unterschied. Wenn Sie drinnen sind, wirken Haut und Gesicht schöner. Manche verwenden Licht mit einer Temperatur von 1.600 Kelvin – das ist blau. Dann werden Sie blass oder leicht grünlich. Das Gefühl ist, als stünde man in einem Labor.

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Sitzbereich in der Bucherer Boutique in Frankfurt, Deutschland, gestaltet von Piero Lissoni

F: Wie fügt sich Ihre persönliche Designphilosophie in die Werte von Bucherer ein?
A: In unserem Büro versuchen wir, elegant zu sein. Wir versuchen, neutral zu sein. Wir versuchen, stark zu sein. Ich weiss sehr gut, dass neutral und stark technisch gesehen gegensätzliche Pole sind, aber wir versuchen, sie zu verbinden. Das Ergebnis kann sehr riskant sein, aber wenn man sorgfältig arbeitet und auf diese Risiken achtet, wird das Resultat absolut herausragend. Also ja, wir versuchen, aus bestimmten Gründen elegant zu sein. Aus anderen Gründen stark. Aus weiteren Gründen gewagt. Und warum nicht: auch neu. Ich glaube, dieser Ansatz deckt sich mit den Werten des Maison.

F: Was zeichnet eine Bucherer Boutique aus?
A: Ich sage es ganz offen: Wenn Sie in manche sogenannte Luxusjuwelier-Boutiquen blicken, sind sie hässlich. Ein hässlicher Ort für Reichtum. Einige dieser Geschäfte … wenn Sie die Diamanten und Halsketten herausnehmen und sie durch Schuhe oder Taschen ersetzen würden – es spielt keine Rolle. Es funktioniert trotzdem. Wir verfolgen das Gegenteil. Das Bild, das wir geschaffen haben, ist ein starkes. Es ist eine starke und klare Sprache, die nur mit hochwertigem Schmuck und Bucherer funktioniert. Von Anfang an haben wir gemeinsam mit Bucherer entschieden, dass es darum geht, dieses Alphabet zu respektieren, es jedoch Stadt für Stadt, Projekt für Projekt, Ort für Ort anzupassen.

Ein Beispiel: Wir beginnen gerade ein neues Projekt in Wien, in einem Palais aus dem späten 19. Jahrhundert. Selbstverständlich tue ich mein Bestes, die regionalen Holzbodenmuster mit ihrem etwas ungewöhnlichen Motiv zu respektieren. In meinen Augen wäre ich ein Verbrecher, wenn ich das Antasten würde. Ich muss den Dialog zwischen Alt und Neu öffnen. So gehen wir gerne vor.