ATELIER

C steht für Charakter

Tobias Lanz begann seine Laufbahn vor nahezu drei Jahrzehnten bei Bucherer Fine Jewellery, nachdem er eine Ausbildung zum Goldschmied abgeschlossen hatte. Im Laufe der Jahre vertiefte er seine Expertise in verschiedenen Unternehmensbereichen und erwarb Abschlüsse in Gemmologie und Diamantgraduierung. Heute ist sein Wort das entscheidende, wenn es darum geht, welche Diamanten den Anforderungen entsprechen und schliesslich ihren Weg in die renommierten Ateliers von Bucherer Fine Jewellery finden.
Porträt von Ivo Müller.

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F: Nach welchen Eigenschaften suchen Sie bei der Auswahl eines Diamanten?
A:
Von den 4 Cs ist die Schliffqualität vermutlich die wichtigste, da sie das einzige Merkmal ist, das man mit blossem Auge beurteilen kann. Zudem ist sie das einzige C, das von Menschenhand geschaffen wird. Die Bedeutung des Schliffs ist etwas, das wir sowohl unserem Verkaufsteam als auch unseren Kundinnen und Kunden vermitteln möchten.

Die Wahrheit ist: Ohne Hilfsmittel ist es sehr schwierig, den Unterschied zwischen Flawless und VVS oder zwischen VS1 und VVS2 in Bezug auf die Reinheit zu erkennen. Das Gleiche gilt für die Farbe: Der Unterschied wird erst bei einem direkten Vergleich zwischen einem D und einem F oder G sichtbar. Dennoch können die Preisunterschiede zwischen D und E oder zwischen Flawless und VVS1 erheblich sein, nämlich 20 bis 30%.

Beim Schliff hingegen ist der Unterschied zwischen einem Triple-Excellent-Cut und beispielsweise einem Very-Good- oder Good-Cut sofort erkennbar. Unabhängig von Reinheit oder Farbe kann der Schliff alles verändern. Wenn wir allerdings über farbige Diamanten sprechen ...

F: Ja?
A:
Dann ist der Schliff zweitrangig.

F: Ich nehme an, gegenüber der Farbe?
A:
Genau. Das GIA bewertet diese Farbe nämlich nach einer anderen Skala. Nehmen wir fancy-farbige Diamanten. Zum Beispiel gelbe Diamanten. Entscheidend sind der Eindruck und die Intensität der Farbe. Gibt es einen bräunlichen Unterton? Oder gibt es keinen? Ich persönlich bevorzuge grünliche Blautöne wie Ozeanblau oder Paraíba-Blau.

Die Schliffrichtlinien für farbige Diamanten sind weniger streng als für weisse Diamanten, die eigentlich farblos sind. Bei diesen geht es darum, die Lichtreflexion möglichst schnell zu erzeugen.

Bei Fancy-Diamanten ist es das Gegenteil: Man möchte das Licht im Stein halten, um die Farbe zu verstärken.

Bei farbigen Steinen ist vieles intuitiv. Entweder man liebt die Farbe – oder nicht. Doch ganz gleich, mit welcher Art von Diamant man es zu tun hat: Was auf dem Papier steht, ist nur ein Teil der Geschichte.

Unabhängig von Reinheit oder Farbe kann der Schliff eines Steins alles verändern.

Tobias Lanz

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F: Wie erfährt man dann die ganze Geschichte?
A:
Letztendlich muss man ihn sich ansehen. Selbst dann kann die visuelle Wirkung eines Diamanten von externen Faktoren abhängen, beispielsweise vom geografischen Standort oder der Tageszeit im Zusammenhang mit Position und Winkel der Sonne. Zudem gibt es Aspekte der Bewertung, die bis zu einem gewissen Grad subjektiv sind, besonders bei Steinen, die in einer Kategorie „grenzwertig“ liegen. Wo genau liegt beispielsweise die Grenze zwischen einem G und einem F in der Farbskala? Objektiv gesehen existiert sie nicht. Ein Mensch entscheidet – und Menschen können unterschiedlicher Meinung sein.

Ein weiteres Beispiel: Der Durchmesser der Tafel (die Oberseite des Diamanten) und die Tiefe des Steins tragen dazu bei, ob ein Diamant die Bewertung „Excellent Cut“ erhält. Hat ein Stein also eine sehr kleine Tafel und eine entsprechend grosse Tiefe, kann diese Kombination rein technisch zu einem „Excellent“ führen.

Doch bei Bucherer akzeptieren wir keine Diamanten mit extrem kleinen Tafeln oder sehr grossen Tiefen. Das ist wichtig zu verstehen, denn ein Stein, der online oder auf dem Papier gut aussieht, hinterlässt persönlich vielleicht nicht den gleichen Eindruck. Das ist nicht romantisch gemeint, sondern schlicht eine Tatsache.

F: Diamantenbeschaffung wird schnell als geheimnisvoller, exklusiver oder gar undurchsichtiger Bereich romantisiert. Wie sieht Diamond Sourcing im Jahr 2025 tatsächlich aus?
A:
Heute kann man seinen Laptop öffnen und tief in das Leben eines Diamanten eintauchen. Es gibt sogar 3D-Animationen von Steinen. Doch all das hilft uns im Grunde nur dabei, Diamanten auszusortieren, die unsere grundlegenden Qualitätsanforderungen nicht erfüllen.

Letztendlich ist es ein sehr kleines Geschäft. Seit vielen Jahren arbeiten wir mit einem exklusiven Kreis von Lieferanten zusammen. Die Liste ist kurz, aber sehr selektiv. Wir umgehen Zwischenhändler und kaufen direkt bei den Diamantschleifern, also möglichst nah an der Mine. Da man uns seit vielen Jahren kennt, werden uns nur Steine angeboten, die unseren strengen Vorgaben entsprechen. Erst dann geben wir unsere finale Zustimmung. Darf ich eine gute Geschichte erzählen?

F: Unbedingt.
A:
Mauro, der Leading Diamond Buyer in meinem Team, und ich sind einmal dem Diamond Club of Antwerp beigetreten, um so tief wie möglich in das Geschäft der Diamanthändler einzutauchen.

Wichtig zu wissen: Im Diamond Club of Antwerp gibt es keine Einkäufer. Nur Händler. Der Club dient vor allem dazu, bei „Betrügern” oder gefälschten GIA-Zertifikaten Alarm zu schlagen und andere wichtige Branchenthemen zu diskutieren. Wir wollen in unserer Klasse die Besten sein.

F: Und wurden Sie aufgenommen?
A:
Ja! Wir mussten nach Antwerpen reisen, nachdem wir umfassende Unterlagen eingereicht hatten, einschliesslich Background Checks. Zudem brauchten wir drei Empfehlungsschreiben unterschiedlicher Herkunft. Als wir ankamen, wurden wir in die historischen Räume der Börse von Antwerpen eingeladen. Wir sassen an einem alten Holztisch – vier Direktoren auf der einen, Mauro und ich auf der anderen Seite – und sie fragten uns, warum wir dem Club beitreten wollten. Es war wie im Film. Nachdem wir vorläufig akzeptiert worden waren, mussten wir dennoch rund acht Monate auf die endgültige Entscheidung warten. In dieser Zeit verschickten sie unsere Namen, Fotos und Lebensläufe an Diamanthändler weltweit, damit uns, wenn gewünscht, jemand ablehnen konnte. Es war beeindruckend zu sehen, wie viel Sorgfalt in diese Entscheidung floss.

F: Was zeichnet einen Bucherer-Diamanten aus Ihrer Sicht aus?
A:
Wir suchen stets die Crème de la Crème – aber manchmal ist diese Crème dichter, als man denkt! Ich erkläre es anders: Wenn 100 Punkte die Maximalnote in einem Test sind und alle mit 90 Punkten oder mehr die beste Note erhalten, ist der Schüler mit 100 Punkten trotzdem besser als der mit 90 Punkten – aber sie bekommen dieselbe Note. Unser „Excellent” ist also manchmal besser als andere „Excellent”.

Allerdings habe ich diesen Unternehmensbereich von jemandem überschrieben bekommen, der ihn wiederum von jemandem überschrieben bekam, und so weiter – bis zurück ins Jahr 1888.
Und seit Beginn ging es immer um ein persönliches Gefühl. Selbst wenn alle technischen Informationen stimmen, muss man den Stein in den Händen halten und auf dem Tisch betrachten, um die finale Entscheidung zu treffen. Selbst wenn er die Eigenschaften Triple-Excellent, D-Farbe und IF-Reinheit hat, kann es dennoch etwas geben, das mir nicht gefällt, zum Beispiel einen milchigen oder staubigen Eindruck, der sich nicht im Zertifikat markieren oder beschreiben lässt. So perfekt ein Stein auf dem Papier sein mag – vielleicht hat er kein Leben. Vielleicht hat er keinen Charakter.

F: Vielleicht ist das das 5. C: Character?
A:
Ja. Ja, das könnte man sagen.

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Die 4C

Die vom GIA entwickelten 4C bilden den universellen Standard zur Beurteilung der Diamantqualität.