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16 Jan., 2018 · Magazin Die Frau mit den Scherenhänden

In tage- oder häufig wochenlanger Handarbeit zeichnet Esther Gerber ihre traditionellen Bilder und schneidet diese von Hand einzeln aus. Das Ergebnis sind einzigartige Kunstwerke, die in Feinheit und Präzision kaum zu übertreffen sind.

Die Meisterin des Scherenschnitts schuf nun speziell für Bucherer filigrane Meisterwerke, die die Tradition des Schweizer Kunsthandwerkes mit dem Handwerk der Uhrmacherei verschmelzen lassen. Das Ergebnis dieser einzigartigen Zusammenarbeit waren August 2017 in allen Bucherer Verkaufsgeschäften (ausser Paris) zu bestaunen.

Interview

Wir trafen Esther Gerber in ihrem Atelier in Rohrbach zum Gedankenaustausch über Tradition, Kunsthandwerk und die Liebe zum Detail.

 

Frau Gerber, wie sind Sie zu diesem nicht ganz alltäglichen Hobby gekommen?

Ich habe schon immer gerne kreativ gearbeitet. Das Zeichnen lag mir besonders. Vor 26 Jahren habe ich bei den Landfrauen einen Scherenschnittkurs besucht. Das hat mich sofort gepackt. Scherenschnitte beginnen immer mit einer Zeichnung, da konnte ich eine Leidenschaft von mir ausleben und danach etwas daraus entstehen lassen. Jede Zeichnung ist ganz persönlich und so hat jeder Scherenschneider seine ganz eigene Handschrift.

 

Was ist das Wichtigste beim Scherenschnitt?

Schneiden ist ein Handwerk, das man üben, üben, üben muss. Je mehr man übt desto filigraner wird man. Zudem sollte man gut zeichnen können. Nur so kann man seine eigenen Motive entwickeln. Jeder Scherenschneider sollte seine eigenen Bilder und seine eigene Bildersprache finden. Das Kopieren anderer war für mich von Anfang an tabu.

 

Wie lange hat es gedauert, bis Sie Ihren eigenen Stil gefunden haben?

Ich hatte schon immer meine ganz persönliche Art zu zeichnen, aber diese habe ich mit den Jahren immer mehr verfeinert. Scherenschneider können sofort das Werk eines anderen Scherenschneiders zuordnen. Meine Werke bezeichnen viele als lieblich, vor allem wegen meiner Figuren.

 

Woher kommen die Ideen für Ihre Motive?

Meine Hauptinspiration ist die Natur. Bäume sind meine Spezialität. Ich mache meist Bäume ohne Laub, damit man die Struktur vom Baum sieht. Strukturen sind im Scherenschnitt enorm wichtig, um etwas auszudrücken. Ich zeichne fast alles aus dem Kopf. Nur bei Bergen muss ich nach Vorlagen malen. Ich kann doch kein Alpenpanorama schneiden, das nicht stimmt. Die meisten anderen Motive entstehen beim Zeichnen. Es entsteht einfach immer und immer mehr. Heimatliebe ist jedoch eine meiner Hauptinspirationen.

 

Wie lange sitzen Sie an einem Scherenschnitt?

Für ein kleines Bildchen brauche ich etwa drei bis sechs Stunden. Doch bis ein grösseres Sujet fertig ist, kann es von der Skizze bis zum fertig gerahmten Scherenschnitt weit über hundert Stunden dauern. Je feiner man schneidet, desto länger braucht man für ein Werk.

 

Was ist Ihr bisher grösster Auftrag gewesen?

Der grösste von mir angefertigte Scherenschnitt war 2,5 Meter breit und 50 Zentimeter hoch. Ein Scherenschnitt von den Berner Alpen und den Berner Traditionen.

 

Wie teuer ist ein Scherenschnitt? Lässt sich Ihre Arbeitszeit überhaupt in Geld aufwiegen?

Das kommt ganz auf die Grösse des Werkes an. Aber ich sehe den Scherenschnitt nicht als Arbeit an. Ich liebe, was ich tue und es ist für mich immer noch ein Hobby, meine grosse Leidenschaft.

 

Wie viele Scheren besitzen Sie?

Ich habe eine Schere. Im Gegensatz zu anderen Scherenschneidern arbeite ich nur mit dieser Schere. Mit der Schere bin ich frei. Ich kann auch im Garten im Liegestuhl arbeiten. Ich benutze jedoch eine ganz spezielle Schere, die extra für mich angefertigt wurde, die sogenannte Gerber-Schere. Mit den handelsüblichen Scheren bin ich nicht gut zurechtgekommen, deshalb habe ich zusammen mit dem Messerschmied Klötzli eine Schere auf mich abgestimmt.

 

Sie haben seit einiger Zeit eine Kooperation mit Bucherer. Wie kam diese zustande?

Als mich Bucherer anfragte, stand ich vor einer grossen Herausforderung. Ich wusste nicht, wie ich den Schmuck herausarbeiten sollte. Ein Scherenschnitt glänzt nicht, er ist nicht goldig. Auch das Handwerk des Uhrmachers war nicht ganz einfach einzubringen. Aber zum Glück fand ich gemeinsam mit Bucherer eine schöne und passende Art, all die Komponenten darzustellen. So verschmilzt nun ein traditioneller Scherenschnitt mit der hohen Kunst der Uhrmacherei. Ich bin sehr glücklich über das Resultat.

 

Ist das Handwerk des Scherenschnitts mit der Uhrmacherkunst zu vergleichen?

Ja, sicherlich durch das Filigrane. Ein Uhrmacher braucht eine sehr ruhige Hand und viel Feingefühl, um die ganzen Uhrenrädchen zusammenzusetzen. Konzentriertes Arbeiten ist bei beidem sehr wichtig. Daher passen Bucherer und “die Frau Gerber” auch recht gut zusammen (lacht).